Es gibt dieses Bild: ein Abend in Brandenburg mit Naturwiese und weitem Himmel, an hufeisenförmig angeordneten Tischen sitzen junge Menschen auf Klappstühlen und diskutieren, Tischlampen beleuchten die Szenerie. Es ist Spätsommer 2021, das gesellschaftliche Leben findet seit vielen Monaten vor allem „remote“ statt. Die „Klassenfahrt“, Abschlussveranstaltung und Höhepunkt des Nachwuchswettbewerbs STORYTELLERS, zeigt bereits in ihrer ersten Ausgabe, dass sie eine kreative Auszeit vom fordernden Alltag junger Filmschaffender sein will: ein Raum zum Kennenlernen, Diskutieren und Feiern. Organisiert wird das Treffen von der gemeinsamen Fiction-Redaktion von RTL Television, VOX und TVNOW (später RTL+), die in 2020 unter Hauke Bartel mehrere Nachwuchsmaßnahmen aus den Jahren zuvor erweiternd gebündelt hat und als Preis erstmalig den Zuschlag für eine Serienproduktion in Aussicht stellen konnte.
Das „STORYTELLERS-Jahr“
Die Beschränkungen der Corona-Jahre sind ebenso Geschichte wie der Name TVNOW. Der Charakter des ersten STORYTELLERS-Sommers hat sich indes bis heute erhalten. In den vergangenen Jahren wurden im Rahmen der Ausschreibung, durch die man sich für die „Klassenfahrt“ qualifizieren kann, jeweils über 100 Konzepte eingereicht. Das Interesse an den einzelnen Veranstaltungen des Wettbewerbs ist enorm.
Teilnehmen dürfen alle Studierenden der Filmhochschulen aus München, Potsdam und Ludwigsburg, ebenso die der ifs und KHM aus Köln sowie der DFFB, einschließlich Eingeschriebener des postgradualen Programms Serial Eyes. Die Hamburg Media School ist jedes zweite Jahr dabei.
Das Feld der Teilnahmeberechtigten bildet also alles andere als eine homogene Gruppe. Es gibt Altersunterschiede, einige Ausbildungen finden auf Englisch statt, die Ausbildungsschwerpunkte unterscheiden sich mitunter deutlich. Das STORYTELLERS-Jahr ist aber für alle gleich: Es beginnt mit Auftaktveranstaltungen an den einzelnen Filmhochschulen („Kick-off“), später folgt eine optionale Feedback-Runde („Boxenstopp“), für welche die Studierenden im Vorfeld einen Onepager zu ihrem potenziellen Wettbewerbsbeitrag erstellen. Zur Ausschreibung müssen sie ein zehnseitiges Konzept für ein Serienformat ausarbeiten, das bei RTL+ ein Young-Adult-Publikum unter 30 Jahren erreichen soll. Seit die Film- und Medienstiftung NRW STORYTELLERS unterstützt, liegt das Budget dafür bei max. 1,5 Mio. €.
Über das Jahr hinweg kommt die Redaktion auf eine zweistellige Anzahl von Terminen. Um eine Art Mentoring-Situation zu schaffen, werden diese intern verteilt: Jeder Hochschule ist ein festes Redaktionsmitglied zugeordnet. Das Redaktionslektorat hatte bislang im „Boxenstopp“ wie in der Ausschreibung eine koordinierende und inhaltlich begleitende Funktion. Frei nach Hannah Arendt, „Wahrheit gibt es nur zu zweien“, geht jeder Beitrag mindestens durch vier Hände – selbst bei über 100 Einreichungen. Am Schluss wählt die Redaktion gemeinsam fünf Konzepte aus, die auf der „Klassenfahrt“ gepitcht werden sollen, zu der zusätzlich rund 25 junge Branchenmitglieder eingeladen sind.
Facilitators
Bei der „Klassenfahrt“ ist der Name Programm: Es herrscht Landschulheimatmosphäre mit Mehrbettzimmern, Panel-Diskussionen, ein bisschen Sport, ein bisschen Disco. Am Schluss kürt die „Klassenfahrt“-Community den Gewinnerstoff, der anschließend für RTL+ realisiert wird. Bei dieser letzten Entscheidung hat die Redaktion keine Stimme, ihre Rolle kann man am besten mit dem Begriff des „Facilitators“ beschreiben, den Helge Albers und die Moin Filmförderung im Zuge der Etablierung ihres NEST-Modells nach Deutschland gebracht haben. Roland Zag (VeDRA) schrieb darüber im WENDEPUNKT (Nov. 2024).
Wie auch bei NEST, wird auf der STORYTELLERS-„Klassenfahrt“ die Rolle des Veranstaltenden als zuhörend und vernetzend interpretiert. Rahmenbedingungen werden gesetzt, individuelle Entfaltung wird ermöglicht; es geht nicht darum, Inhalte durchzusetzen. Dem analogen Freiraum in der digitalen Gegenwart kommt dabei eine entscheidende Rolle zu: Sowohl die „Klassenfahrt“-Idylle als auch der ländliche NEST-Space entstanden ungefähr zeitgleich an der Schwelle zur KI-Revolution, geprägt von Cord-Cutting und Remote-Kommunikation.
Der Erfolg von STORYTELLERS kann sich sehen lassen: ANGEMESSEN ANGRY von Elsa van Damke und Jana Forkel (HMS, Studio Zentral) gewann zwei Grimme-Preise (2025), HÜBSCHES GESICHT (HFF München, Constantin) war 2023 für diesen nominiert, Creatorin Aylin Kockler landete auf der Forbes-Liste „30 under 30“, gemeinsam mit Co-Autorin Ferdos Sililo-Simon bekam sie zudem den Sonderpreis des Juliane Bartel Wettbewerbs. SOFTIES (2025) von Yves Guillaume und Jonathan Westphal (Filmuniversität Potsdam, UFA) wiederum, sehr gut besetzt, lief bei RTL+ am besten.
Auch Projekte, die nicht siegreich waren, konnten vom Wettbewerb profitieren. So gewannen zum Beispiel die beiden HFF-Studenten Marius Beck und Marc-Philipp Ginolas mit TSCHAPPEL (ZDF NEO, Grimme Preis 2026) zwar nicht den Pitch, kamen auf der „Klassenfahrt“ aber mit der Produktionsfirma LAX ins Gespräch – und realisierten später mit ihnen ihren Stoff.
„It’s all about Opportunity“
Bevor die Plätze im Kreativcamp verteilt werden, gleicht die erste Wettbewerbsphase einem Accelerator-Bootcamp, wie man es von anderen Streamern kennt. Im Zeitraffer durchlaufen die Studierenden einen branchenüblichen Stoffeinreichungsprozess – bestehend aus Briefing, Redaktionsfeedback, inhaltlichem Wettbewerb und finaler Programmentscheidung.
Beim „Kick-off“ sollte man die Senderpräsentation richtig lesen, um mit einem Onepager die Basis für einen erfolgreichen „Boxenstopp“ zu legen. Dabei handelt es sich um ein Redaktionsgespräch, wie es die Talente (hoffentlich) noch häufig führen werden. Die Atmosphäre ist zugewandt, die Redaktion tritt hier ebenfalls als Facilitator auf, hilft eher mit Vorschlägen als mit Vorgaben. Dieses Gespräch müssen die Teilnehmenden im Nachgang mit Blick auf das finale Konzept professionell einordnen, formale Vorgaben berücksichtigen, aber auch aus der Masse hervorstechen. Wer dann (wie die meisten) trotz all der Mühe nur ein Absageschreiben erhält, steht vor der Herausforderung, dies sportlich zu nehmen und aus dem individuellen schriftlichen Feedback für die nächste Runde zu lernen. Immerhin: Es gibt eine ganze Reihe von Studierenden, die sich beim wiederholten Anlauf für die „Klassenfahrt“ qualifizieren konnten.
An dieser Stelle lohnt sich ein Seitenblick in die Sportwissenschaft, wo man sich intensiv mit der Schnittstelle zwischen Nachwuchs- und Profibereich beschäftigt. Hier hat sich der Begriff „Opportunity“ etabliert: Entwicklung, so wird argumentiert, passiert vor allem in der akuten Drucksituation des realen Spiels, weniger im geschützten Training. Fehlende „Spielzeit“ führt zur Stagnation; das Talent droht in eine unsichtbare Zwischenphase abzurutschen, den „grauen Bereich“.
Insofern ist diese „Opportunity“ – die Möglichkeit, sich mit anderen unter professionellen Bedingungen zu messen – der vielleicht größte Gewinn des STORYTELLERS-Programms. Im besten Fall steht am Ende ein Serienauftrag. Selbst nach einer Absage gehen die Talente als Gewinner hervor: Sie besitzen nun eine branchenübliche Arbeitsprobe, die sie an anderer Stelle vorlegen können.
Youthquake
Doch auch RTL+ profitiert von dieser Form des Wettbewerbs. Um das Jahr 2020 herum wanderte das junge Publikum in Scharen zu den internationalen Streamern ab, die bei der Erschließung neuer Märkte auf den sogenannten „Youthquake“ setzten und etwa auf der C21 das „New Age of Adolescence“ ausriefen. Serien wie 13 REASONS WHY oder SEX EDUCATION boten ein intensives Seherlebnis – losgelöst von festen Sendezeiten, „gelebt“ via Social Media. Nach dem Ende der Pandemie kam es zudem zum sogenannten „Peak TV“. Sehr viele Serien wurden gleichzeitig herausgebracht, kurzfristig entbrannte sogar ein „War of Talents“. Die jungen Kreativen waren auf einmal in der Vorhand und zeigten, dass sie die einheimischen Anbieter nicht mehr besonders spannend finden.
STORYTELLERS signalisiert ein grundsätzliches Interesse an der jungen Generation, ihren Erzählformen und Visionen, aber auch an Kreativen, wie Antonia Leyla Schmidt von der Filmuniversität Potsdam. Sie wurde nach der „Klassenfahrt“ von ihrer siegreichenden Pitch-Konkurrentin Aylin Kockler als Regisseurin für HÜBSCHES GESICHT angeheuert und führte später bei der RTL+ High-End-Serie EUPHORIE Regie. „Ein gelungenes Beispiel dafür, wie Produktionen für das händeringend gesuchte jüngere Publikum gelingen können“ (epd medien), ist aber auch MERMAIDS TO LOVERS von Lia Zebra und Larissa Dold (HFF München, produziert von VeDRA-Mitglied Nadja Malkewitz für WBITVP Germany). Die Romance gewann 2025 den Wettbewerb, feierte beim Seriencamp 2026 in Köln Premiere und kann nun auch auf RTL+ gestreamt werden. „Einfach loslassen, Flosse ins Wasser tauchen und so wertschätzend, warmherzig, lustig und kreativ werden wie hier“, erkennt die FAZ als Weg in das Herz des jungen Publikums.
„Young Adult“ (YA) ist indes kein erzählerisches Genre, sondern eine Zielgruppen-Kategorie für Menschen zwischen 14 und 27 Jahren. Und die mögen häufig Stoffe, die anderen Kohorten ebenfalls gefallen. Bezüglich des Ausschreibungsgegenstands gibt es daher immer wieder Klärungsbedarf: Kann am Ende nicht alles „YA“ sein? Nein, so die Antwort, denn gewisse dramaturgische Konstellationen bieten ein besonderes Bindungspotenzial für das junge Publikum. Dabei handelt es sich fast immer um Coming-of-Age-Konflikte, die in unterschiedlichen Genres selbstverständlich unterschiedlich bedient werden. Bei Drama-Vorschlägen kreisen sie zumeist um das Thema Identität, bei Thriller-Ansätzen um Gerechtigkeit, verbunden mit Motiven wie Rebellion; Romance-Stoffe sind in der Regel von der Suche nach der einen Person auf der Welt geprägt, die einen selbst komplettiert. In früheren WENDEPUNKT-Heften hat Sascha Mürl (VeDRA) über das Verhältnis von Genre-Ausrichtungen und Zielgruppen-Vorlagen geschrieben. Die Lektüre wird an dieser Stelle noch einmal jedem ans Herz gelegt.
Hier geht es zum Trailer der erwähnten Serie, auf die sich auch das Titelbild dieses Artikels bezieht:
https://plus.rtl.de/mermaids-to-lovers-p_67098/video/trailer-mermaids-to-lovers-c_1988046
Selbstfindung und das Wachsen in eine gesellschaftliche Rolle innerhalb eines bestimmten Zeitgeistes stehen häufig im Zentrum der Vorschläge. Bei den Themen kam es immer wieder zu motivischen Shifts. In den Anfangsjahren gab es zum Beispiel viele Ideen zu „Female Empowerment“, später verschob sich der Schwerpunkt im Themengebiet „Geschlechterrollen“ deutlich zu „moderne Männlichkeit“. Auffällig ist der Einfluss internationaler Vorbilder. Aylin Kockler hierzu in Blickpunkt:Film: „Am meisten prägten mich die Filme und Serien von Nancy Meyers, Mindy Kaling und Judd Apatow sowie die Klassiker von John Hughes und Nora Ephron.“
Dieses selbstbewusste Bekenntnis zum sogenannten Mainstream passt wahrscheinlich gut zu einer Veranstaltung von RTL+, entspricht aber eben auch einer Generation, die im Alltag über Codes der internationalen Popkultur kommuniziert.
An dieser Stelle gelangt man schnell an budgetäre Grenzen. 1,5 Mio. € wirken auf den ersten Blick wie ein Haufen Geld; internationale YA-Aufstellungen mit ihren großen Ensembles und langen Erzählbögen kann man damit aber nicht umsetzen. Im Laufe der Jahre hat sich deshalb ein Richtwert von rund 100 Minuten Erzählzeit etabliert, der formal an Produktionen vom KLEINEN FERNSEHSPIEL erinnert. Die Einzelepisoden haben häufig eine Erzählzeit von ca. 20 Minuten, das Ensemble ist übersichtlich.
Die Frage, ob und inwiefern sich ein größeres YA-Publikum in den Stoffen wiederfinden kann, wird am Ende des STORYTELLERS-Wettbewerbs von der „Klassenfahrt“-Jury beantwortet. Nicht nur die Zielgruppe, die Teilnehmenden und ihre Themen sind „YA“, sondern mehr oder weniger auch der Branchennachwuchs, der den Pitch final bewertet. In der Pädagogik würde man dies einen „Peer-to-Peer“-Ansatz nennen, aus den Medien kennen wir die Macht der Communitys. Der verbindende Begriff ist „Glaubwürdigkeit“ bei der Vermittlung von Inhalten.
Die Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen, ist die zentrale Aufgabe des veranstaltenden Facilitators RTL+. Sie ermöglichen das, was Pixar-Gründer Ed Catmull als grundlegende Zutaten für seine erfolgreichen Kreativmeetings genannt hat: offene Gespräche, lebendige Debatten, Gelächter und Liebe zur Sache. Womit wir wieder bei der abendlichen Community im ländlichen Brandenburg sind.