‚Prokrastination‘ ist der Mechanismus, der es erlaubt, vor unangenehmen, aber unabänderlichen Entscheidungen auszuweichen, sie zu verleugnen und so lang wie möglich aufzuschieben. Dies führt gegenwärtig die gesamte Menschheit vor Augen: Anstatt angesichts der Erderwärmung den Rückwärtsgang einzulegen, passiert das Gegenteil: Einstweilen macht es mehr Spaß, angesichts der drohenden Selbstvernichtung nochmal richtig aufs Gaspedal zu treten und die Ausbeutung des Planeten in vollem Umfang zu genießen.
An diesem selbstzerstörerischen Mechanismus hat auch die Medienindustrie ihren Anteil. Anstatt beispielsweise, wie es Ron Kellermann in seinem Buch „Hot Plot“ scharfsichtig analysiert, ein durchaus wünschenswertes ‚neues Normal‘ zu definieren und Geschichten von Menschen zu erzählen, die sich zurückgenommen und klimafreundlich verhalten, beharren Serien wie z.B. die vom ZDF mit produzierte „Der Schwarm“ darauf, Protagonist*innen zu zeigen, die einerseits heldenhaft gegen Umweltzerstörung kämpfen, andererseits von Kontinent zu Kontinent fliegen, um dann werbeträchtig minutenlang teure SUVs durchs Bild fahren…
Diese Doppelmoral in den Blick zu nehmen, teilweise anzuprangern, aber auch filmische Lösungen vorzustellen, in denen der Klimawandel sehr wohl vorkommt und vielleicht auch vernunftgemäß reflektiert wird… all das hat Ron Kellermann in „Hot Plot“ unternommen. Indem er das filmische Erzählen der ca. letzten zwanzig Jahre hinsichtlich der Klimathematik untersucht, wird hier ein wichtiger, überfälliger und teilweise auch vergnüglicher Schritt vollzogen. In „Hot Plot“ nimmt Kellermann systematisch jenen Teil der filmischen Arbeit der (vorwiegend) westlichen Welt in den Blick, der vor dem Klimawandel nicht die Augen verschließt, sondern ihn mal zynisch, mal konstruktiv, mal dezent und mal kämpferisch thematisiert.
In sechs Kapiteln wird so eine Anthologie dessen geliefert, was sich in unterschiedlichster Art und Weise mit den sich wandelnden Bedingungen unseres Daseins auseinandersetzt. Das allein macht das Buch unersetzbar: Man stößt einerseits auf recht bekannte und ausstrahlungsstarke Filme („The Day after Tomorrow“, „Avatar“, „Interstellar“ oder „Don’t look up“ waren Publikumsmagneten), entdeckt aber natürlich auch viele weniger bekannte, dafür vielleicht umso beachtenswertere Filme und Serien vorwiegend aus den USA und Deutschland. Dabei deckt Kellermann die Bandbreite der möglichen Herangehensweisen ab, vom Klimawandel als stillschweigend miterzähltem Setting (beispielsweise bei Christian Petzolds „Roter Himmel“) über den frontal geschilderten aktivistischen Kampf dagegen (etwa in der Serie „Wer wir sind“ oder dem isländischen Beispiel „Gegen den Strom“) bis hin zu apokalyptischen Fantasien (wie in der Sci-Fi Anthologie „Extrapolations“). Aber auch die leider sehr wenigen Versuche, positive Utopien zu erzählen, wie etwa der Animationsfilm „Strange World“, werden natürlich behandelt.
Es wäre nun reizvoll, hier weiter auf die vielen Aspekte und Details einzugehen – doch noch nützlicher erscheint es, zu konstatieren, was das Buch NICHT ist. Denn mit Dramaturgie hat es, wenngleich von einem erfahrenen und renommierten Dramaturgen verfasst, eigentlich wenig zu tun. Die allenthalben für Storyteller entscheidende Frage, wie eine Geschichte nun genau aufgebaut, angeordnet, in Akten gegliedert, durch Protagonist*innen oder Atagonist*innen repräsentiert oder systemisch ausgebreitet wird – diese Frage taucht hier nie auf. Das eigentliche ‚Funktionieren‘ im strengeren Sinne stellt Kellermann nicht zur Diskussion. Ob die ‚Heldenreise‘ angewandt oder dekonstruiert wird, ob eine Aktstruktur vorhanden oder eine elliptische Erzählweise erkennbar ist, ob die Figuren psychologisch stimmig oder grell überzeichnet werden und der Film insgesamt ‚funktioniert‘… all das tut hier nichts zu Sache. Kellermann bleibt stoisch bei der Beschreibung der fürs Klima relevanten Fakten der Erzählung.
Dieser Verzicht auf Wertungen wirkt erst mal wohltuend. Die Analysen beschäftigen sich ausschließlich mit der Frage, inwieweit der Film oder die Serie faktisch den Klimawandel benennen und die entsprechenden Mechanismen durchschaubar machen. Damit wird das Unterfangen eher zur soziologischen oder anthropologischen Studie, also einem Kompendium dessen, was die Medienindustrie bisher zu thematisieren, aber auch was sie – vielleicht noch wichtiger – auszuklammern und zu leugnen versucht (wozu sich Kellermann allerdings nur sporadisch äußert). Sehr interessant.
Bei aller Wertschätzung für Kellermanns Zurückhaltung kann man aber dann doch auch bedauern, dass er seine eigene, in den einleitenden Teilen vorgestellte Einteilung in ‚Angsterzählungen‘, ‚Sehnsuchtserzählungen‘ und ‚Wuterzählungen‘ nicht fortentwickelt. Denn mit dieser (streng genommen noch immer nicht wirklich dramaturgisch-technischen, aber wenigstens über den Klimakontext hinausweisenden) Systematik hätte man ein Tool an der Hand gehabt, über den Tellerrand des spezifisch aktivistischen Erzählens hinaus zu beleuchten, wie genau Stories auf der emotionalen Ebene im gesellschaftlichen Kontext wirken.
Tatsächlich scheint es sehr lohnend, sich mit den untergründigen emotionalen Botschaften zu beschäftigen, die sich im zeitgenössischen Erzählen finden lassen und mit denen Kellermann hier (allerdings nur zu Beginn des Buches) hantiert. ‚Angst‘, ‚Sehnsucht‘ und ‚Wut‘ sind tatsächlich Kategorien, die das filmische Erzählen der Gegenwart dominieren – aber hinsichtlich der Klimakatastrophe wäre zu fragen, ob nicht Plots nötig sind, die eher Qualitäten wie ‚Verzicht‘, ‚Zurückhaltung‘ oder ‚Loslassen‘ thematisieren.
Hier öffnet sich der Blick auf eine Gesamtschau auf die Medienindustrie, der erlaubt, auf die tiefer liegenden Mechanismen der kollektiven Verdrängung und Verleugnung zu schauen, selbst wenn der Autor das nicht tut.
„Denn es ist immer einfach, Angst zu schüren, Sehnsucht zu wecken und Wut auf vermeintlich ‚Schuldige‘ zu kreieren. Diese drei Kategorien sind nicht nur im filmischen Erzählen weit verbreitet, sondern auch Trigger der Rhetorik der Populisten weltweit."
Die Diskussionen in den sozialen Medien werden davon beherrscht. Aber offensichtlich hilft keine der drei Kategorien weiter, um zu einem konstruktiven Umgang mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten zu führen.
Vielleicht liegt da ein Grund dafür, warum wir kollektiv nicht weiterkommen: Weil sich nicht zuletzt auch die Medienindustrie zu sehr mit Gefühlen wie Angst, Sehnsucht oder Wut beschäftigt, die auf Expansion, Wettbewerb, Kampf und so weiter abzielen, anstatt sich auf Momente der Einsicht, Zurücknahme und Selbstbeschränkung zu besinnen. Das Wort ‚Wachstum‘ ist ein Fetisch. Hingegen sind Begriffe wie ‚Schrumpfen‘, ‚Nachlassen‘, ‚Verzicht‘ heute öffentlich noch mit der Aura der Nicht-Sexyness belegt. Unter Umständen wäre es fürs von Kellermann zurecht geforderte ‚Neue Normal‘ wertvoller, sich erzählerisch auf gegenteilige Qualitäten zu fokussieren – gleichgültig ob Filme nun von sterbenden Wäldern handeln oder vielleicht nur von einer dysfunktionalen Familie.
Die vordergründige und von der Filmindustrie permanent gefütterte Erregbarkeit der Menschen ist vielleicht mit entscheidend dafür, dass wir so schwer zum Umschaltpunkt klimaneutralen Verhaltens gelangen: Nämlich zur Auseinandersetzung mit Prozessen von Introspektion, Innehalten und Umkehr. So gesehen könnte ein Film wie „Perfect Days“ von Wim Wenders vielleicht für den Umgang mit dem Klima hilfreicher sein als ein Film wie „The Day after Tomorrow“ von Roland Emmerich, obwohl Wenders vordergründig rein gar nichts über Erderwärmung erzählt, innerlich aber sehr wohl über Verzicht.
Es ist sicher schwer, vom ‚Immer weiter, immer größer, immer mehr‘ loszukommen. Aber gerade indem das Geschichtenerzählen auf diesen kollektiven emotionalen Haushalt der gegenwärtigen Welt einwirkt, könnte es hier ein neues Normal definieren helfen.
An diesem Punkt stellt sich noch eine andere Frage, nämlich die nach der künstlerischen Freiheit: sind denn Geschichten wirklich dazu da, erzieherisch zu wirken? Geht es im Reich der Kreativität nicht vielmehr eher um den ungestörten Ausdruckswillen, dem keine Beschränkung auferlegt werden sollte? Der hier auftauchende subtile Auftrag, ‚Volksgemeinschaften‘ zu bestimmten Einsichten, Verhaltensnormen, einem ‚neuen Normal‘ zu erziehen - hatten wir den nicht schon mal, und wollen wir das? Diese von Kellermann nicht angesprochene Thematik ist vielleicht die empfindlichste. Scheinbar sind wir an einem Punkt, wo künstlerische Freiheit, das vermeintlich kostbarste Gut der aufklärerischen Idee, nicht mehr nur oberstes Gebot ist. Allerorten schieben sich Aspekte des Minderheitenschutzes, der Gender-Gerechtigkeit, Diversität oder eben Klimaneutralität dazwischen. Ist das nicht bedenklich? Oder war künstlerische Freiheit immer schon eine Illusion, eine Chimäre, ‚wishful thinking‘?
All diese Fragen werden von Kellermanns Buch implizit getriggert, wenn auch nicht ausdiskutiert. Das ist kein Vorwurf. Die geleistete Arbeit einer umfassenden Anthologie ist wertvoll genug.
Zurück aber bleiben Themen, die weitergedacht werden sollten: Einmal die nach dem dramaturgischen Umschaltknopf, der die Menschheit kollektiv vom Expansiven zum Innehaltenden wendet – und zum andern die nach dem erzieherischen Aspekt, der unter ungünstigen Umständen zur Zensur führen könnte. Wer sich wie Kellermann den ganz großen Fragen nach der globalen Verantwortung zuwendet, muss dafür Lösungen finden - wenn wir nicht alle in der oben beschriebenen weltweiten und irgendwann für die Spezies Mensch letztlich tödlichen Prokrastination stecken bleiben wollen.
Illustration von Julia Nau