Filme entwickeln dann eine besondere Sogwirkung und erzählerische Kraft, wenn es eine Einheit von Thema, Figuren und Plot gibt. Doch die Frage ist, wann entsteht diese Einheit? Bereits zu Beginn der Entwicklung? Oder erst zum Schluss? Wie viel sollte der Autor am Anfang seiner Reise über seinen Stoff wissen?
Der amerikanische Romanautor Richard Russo merkte einmal an: „Ultimately, your theme will find you. You don’t have to go looking for it.“ Dies ist ein dankbares Credo. Kein starres Themenkorsett, die Figuren sind frei und haben mitunter eine versteckte Agenda, die selbst dem Autor unbekannt ist. Einfach mal drauflos schreiben und gucken was passiert. Genau so sind die besten Romane aller Zeiten entstanden, warum also in diesem Artikel eine Lanze brechen für einen anderen Ansatz? Weil es manchmal sehr befreiend sein kann zu wissen, wohin man will, bevor man losfährt, und weil nicht immer der Weg das Ziel ist, sondern manchmal das Ziel das Ziel.
Als Autorenteam haben Baran bo Odar (der Regisseur der Films, Anm. d. Red.) und ich uns seit unserer Studienzeit an der Hochschule für Fernsehen und Film München durch die einschlägige Literatur zum Handwerk des Drehbuchschreibens gearbeitet und dabei festgestellt, dass es eine Menge Bücher über Plot und Struktur, über Heldenreise, Wendepunkte und Akt-Einteilungen gibt, aber bereits sehr viel weniger über Figurenentwicklung, und geradezu verschwindend gering zur Funktion des Themas als dramaturgisches Mittel. Dabei ist das Thema unserer Meinung nach Dreh- und Angelpunkt der ganzen Drehbuchentwicklung. Am Anfang kann etwas ganz anderes stehen, eine Idee, eine Überschrift, eine Figur. Aber sobald wir uns hinsetzen und darüber nachdenken, wie wir diese Idee in eine dramatische Struktur bringen wollen, widmen wir uns zuerst dem Thema. So auch im Falle von WHO AM I.
Das Thema definiert nicht nur das Dilemma – den inneren Konflikt der Hauptfigur – sondern auch die Position des Antagonisten und die der Primary Relationship, sowie darüber hinaus den Plot, also die einzelnen Handlungsabschnitte einer Geschichte.
Hier gab es als Ausgangspunkt zunächst ein Setup. Die Produktionsfirma hatte schon seit Längerem mit dem Gedanken gespielt, einen Film über Hacker zu machen. Dabei möchte ich zunächst eine klare Unterscheidung machen, was den Begriff Thema angeht. Man könnte der Einfachheit halber sagen, das Thema von WHO AM I ist 'Hacken', und bezogen auf den Inhalt ist das auch sicherlich richtig. Wenn ich im Folgenden aber über Thema spreche, meine ich etwas ganz anderes: Ich spreche über einen der Geschichte zugrunde liegenden Leitgedanken. Worum geht es zwischen den Bildern? Geht es um Schuld, Verlust, Verrat, Trauer? Und wie ist meine Haltung als Autor zu diesem Thema? Die Entscheidung für ein Thema bestimmt unserer Meinung nach maßgeblich alles Weitere, nämlich Figuren und Struktur einer Geschichte. Denn das Thema definiert nicht nur das Dilemma – den inneren Konflikt der Hauptfigur – sondern auch die Position des Antagonisten und die der Primary Relationship, sowie darüber hinaus den Plot, also die einzelnen Handlungsabschnitte einer Geschichte.
Im Falle von WHO AM I haben wir uns bei der Recherche ausgiebig mit Hackern und Crackern beschäftigt. Für uns war vor allem interessant, was für Menschen sich hinter den Pseudonymen im Netz verbergen. Der Gedanke, dass man in der virtuellen Welt sein kann, wer man will, dass man sich hinter einem Pseudonym, einer Maske, verstecken kann, ohne etwas von seinem tatsächlichen Ich preisgeben zu müssen, kristallisierte sich schnell als Kern dessen heraus, was uns als Autoren am Hacken am meisten interessierte. Auf der Suche nach unserem Erzählkern, unserem Thema, stand also schnell der Begriff Identität fest. Was bedeutet eigentlich Identität? Was definiert uns und unsere Identität? Und all das im Blick auf die Gegenüberstellung von virtueller und realer Welt. Bedeutet Identität etwas anderes im Cyberspace als in der echten Welt? Die Frage "Who am I – Wer bin Ich?" war also zentraler Ausgangspunkt der Drehbuchentwicklung. Wie aber wirkt sich nun die Entscheidung für ein Thema auf den ersten Baustein des Drehbuchs – den Protagonisten – aus?
Indem genau dieses Thema das Grunddilemma der Figur definiert. Die Hauptfigur hat also ein Problem, das etwas mit Identität zu tun hat. Im nächsten Schritt haben wir zunächst gesammelt, was das für ein Problem sein könnte. Gibt die Hauptfigur sich im Netz als jemand anderer aus? Ist sie ein Blender? Trägt sie im Netz eine Maske und ist im wahren Leben das komplette Gegenteil? Um die richtige Positionen zum Thema Identität für unsere Hauptfigur zu finden, haben wir uns im nächsten Schritt dem Plot zugewandt. Hier kommt nun die Symbiose von Thema und Plot ins Spiel. Denn man kann die drei Akte auch in drei unterschiedliche Thesen-Welten einteilen, die alle eine andere Perspektive zum Thema haben. Der erste Akt ist die Welt der These (die Welt des Protagonisten). Der zweite Akt ist die Antithese (die Welt des Antagonisten). Und der dritte Akt die Synthese (meistens verkörpert durch die Botschaft der Primary Relationship). Dabei stehen sich These und Antithese mit komplett gegensätzlichen Positionen zu einem Thema gegenüber. Also z.B.: "Der Mensch ist gut" versus "der Mensch ist böse". In diesem einfachen Beispiel steht also ein Protagonist, der an das Gute im Menschen glaubt einem Antagonisten, der den Menschen für von Grund auf böse hält, gegenüber. Die Synthese verkörpert dann den "heilenden" dritten Weg. Denn in der Regel ist die Welt nicht schwarz und weiß, sondern grau. Weder die Position des Protagonisten, noch die des Antagonisten ist richtig. Nur wenn der Protagonist es schafft, dies zu verstehen, kommt es im dritten Akt zum Wandel und zur Entwicklung hin zur Synthese.
Genau dieser Gegensatz von "ich kann alles sein" versus "ich bin ein Niemand" ist die treibende Kraft der ganzen Geschichte.
Im Falle von WHO AM I wussten wir, dass unser zweiter Akt vor allem vom Hacken und der virtuellen Welt handeln wird. Wofür steht diese Welt? Für eine virtuelle Identität. Man kann im Netz jeder sein, sich selbst ständig neu erfinden. Damit wäre die Antithese gefunden und auch gleichzeitig die Position des Antagonisten. Um die Hauptfigur zu definieren muss man also nur noch das Gegenstück, die Opposition dazu finden. Also die These zur Antithese. Was ist das Gegenteil von: Ich kann jeder und alles sein? Ich bin unsichtbar, ein Niemand. Genau dieser Gegensatz von "ich kann alles sein" versus "ich bin ein Niemand" ist die treibende Kraft der ganzen Geschichte. Der Motor. Eine Hauptfigur, die sich in der echten Welt als unsichtbar empfindet (ein Niemand), begibt sich im zweiten Akt immer mehr in die virtuelle Welt, kann dort endlich jemand anderes sein (womöglich sogar mehrere andere) und sichtbar werden.
Um nun aber auch den dritten Akt zu definieren, muss geklärt werden, mit welcher Botschaft, mit welchem Gefühl ich als Autor den Zuschauer aus dem dritten Akt entlassen möchte. Hier gibt es, und auf Grund der Kürze dieses Textes stark vereinfacht, drei Möglichkeiten. Nur eine davon ist eine tatsächliche Synthese:
1. Der Protagonist schafft es nicht sich von seinem Blick auf die Welt zu emanzipieren und bleibt in seiner Weltsicht hängen.
2. Der Protagonist verliert sich in der Antithese.
3. Der Protagonist bleibt seinen Stärken treu, aber integriert das Learning aus der Antithese und hat damit die Fähigkeit, sich aus seiner einseitigen Perspektive zu emanzipieren und zu wachsen (Synthese).
Wie ich den Zuschauer aus dem dritten Akt entlasse, offenbart die Haltung des Autors zum Thema. Woran glaube ich? Um auf die vereinfachte Gegenüberstellung von These und Antithese (s.o.) zurückzukommen: Glaube ich als Autor, dass der Mensch gut ist (These)? Glaube ich, dass der Mensch böse ist (Antithese)? Oder gibt es eine dritte Perspektive (Synthese), die meine Haltung am besten zum Ausdruck bringt?
In WHO AM I nutzt der Protagonist seine Fähigkeit sich unsichtbar zu machen, sich zu einem Niemand zu reduzieren, um mit einem Social-Engineering-Trick (Learning aus der Antithese-Welt) der Ermittlerin einen gigantischen Bären aufzubinden. Er gibt sich also als jemand anderes aus (sogar als mehrere andere), um seine wahre Identität, sein wahres Ziel zu verschleiern. Er grenzt sich aber klar von der dunklen Variante der Antithese ab (verkörpert durch MRX). Die Auseinandersetzung mit der Einheit von Plot, Figuren und Thema zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Drehbuchentwicklung kann also ein hilfreiches strukturierendes Prinzip sein und einen Fahrplan vorgeben für die weitere Drehbucharbeit. So jedenfalls in der Theorie. Ob der Film am Ende diese Einheit transportieren kann, muss jeder Zuschauer für sich entscheiden. Allen, die sich mehr in die Einheit von Plot, Figur und Thema einlesen möchten, sei an dieser Stelle John Truby’s THE ANATOMY OF STORY ans Herz gelegt.