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Der Naturalismus – Die Erfindung der modernen Filmerzählung vor Erfindung des Films

Arno Aschauer beleuchtet anhand eindrucksvoller Beispiele das Handwerk der psychologischen Rollenarbeit.

Eine bekannte Schauspielerin fragt bei einem renommierten Autor (Bühne/Film/TV/Streaming) an, da sie starkes Interesse an einer der weiblichen Hauptrollen in seinem neuen Stück hat. Hier seine Antwort auszugsweise:

„...Den einzigen Rat, den ich Ihnen geben kann, ist, das Stück mehrmals gründlich durchzulesen und genau darauf zu achten, was die anderen Personen über Rebecca sagen. Unsere Schauspieler machten früher jedenfalls öfter den großen Fehler, ihre Rollen isoliert zu studieren, ohne die Stellung der Person im Ganzen des Werkes genügend zu beachten...

Und im Übrigen müssen Sie Ihre Studien und Beobachtungen des wirklichen Lebens zu Hilfe nehmen. Keine Deklamation. Keine Theaterbetonungen.... Geben Sie jeder Stimmung glaubwürdigen, natürlichen Ausdruck. Denken Sie niemals an diese oder jene Schauspielerin, die Sie gesehen haben. Aber halten Sie sich an das Leben, das Sie umgibt und stellen Sie einen lebendigen, wirklichen Menschen dar. In Rebekkas Charakter einzudringen und ihn zu verstehen scheint mir nicht schwer. Doch diesen Charakter darzustellen hat seine Schwierigkeiten, denn er ist so kompliziert. Ich zweifle doch nicht, dass Sie diese Schwierigkeiten meistern, wenn Sie nur das wirkliche Leben, und einzige und allein das, als Grundlage und Ausgangspunkt für die Gestaltung von Rebeccas Persönlichkeit nehmen...“

Was der Autor der Schauspielerin rät, führt geradewegs in die psychologische Rollenarbeit „...und genau darauf zu achten, was die anderen Personen über Rebecca sagen.“ Da geht es um nichts weniger als eine der wesentlichen Konfliktquellen in systemischen Interaktionen, also in einer Gruppe aufeinandertreffender, unterschiedlicher Menschen – der oftmaligen Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild. Die Schauspiellehrerin Ivana Chubbuck sagt es 2004 in ihrem Kapitel DIE VORGESCHICHTE ANWENDEN fast wortwörtlich zu den Zeilen des Autors an die Schauspielerin.

1) Du nimmst die VORGESCHICHTE deiner Figur unter die Lupe, indem du erstens ihre eigenen Äußerungen studierst und zweitens das, was andere über sie sagen.

Das leitet über u.a. zu Virginia Satir (1916 – 1988), der Begründerin der systemischen Familientherapie und ihrer Arbeit über Selbstwert und Kommunikation, in der sie ganz klar auflistet, wie sich Personen mit einem hohen Selbstwert in einer Gruppe verhalten und wie Personen mit einem niederen Selbstwert. Sie spricht von kongruentem Verhalten ‚Ich bin im Einklang mit mir selbst‘ oder inkongruenten Verhalten ,ich bin mir meiner Identität nicht sicher.‘ Virginia Satirs Definitionen lesen sich wie eine Anleitung für den Schauspielunterricht:

Hoher Selbstwert

Kommunikation:

direkt, klar, konkret, übereinstimmend, kongruent (entwicklungsfördernd);

Regeln:

offen, entsprechend, menschlich; veränderbar, wenn es erforderlich ist; volle Freiheit zur Meinungsäußerung;

Ergebnis:

realitätsbezogen, angemessen, konstruktiv.

Der Selbstwert wird stabiler und erhält immer mehr Basis in der Persönlichkeit.

Niederer Selbstwert

Kommunikation:

indirekt, unklar, nicht kongruent, inkongruent, anklagend, beschwichtigend, rationalisierend, ablenkend (entwicklungshemmend);

Regeln:

versteckt, unpassend, unmenschlich, bleiben starr, Veränderungen haben sich bestehenden Regeln anzupassen und zu unterwerfen; Einschränkung der Meinungsäußerung;

Ergebnis:

unglücklich, chaotisch, unangemessen, zerstörerisch.

Der Selbstwert wird immer mehr in Frage gestellt und ist immer stärker auf Unterstützung durch die Außenwelt angewiesen.

Weiter sagt Satir:

Das Selbstwertgefühl ist

• ein anerzogenes Gefühl

• geprägt von Eltern und wichtigen Bezugspersonen

• veränderbar

Damit beschreibt sie kurz und knapp die Möglichkeit eines Veränderungsprozesses. Weg von anerzogenen Mustern, die zu einem psychodynamisch beeinflussten Verhalten führen, hin zu freien Handlungsoptionen.

Die Begründer der Ego State-Therapie, Helen und John Watkins unterscheiden in der Entwicklungspsychologie des Kindes bis ins Jugendalter drei Prozesse und sprechen dabei von „Verhaltens– und Erfahrungssyndromen, die sich um ein zentrales Motiv herum geformt haben“.

(1) Normale Differenzierung

(2) Introjektion (Unbewusstes Einbeziehen fremder Ansichten) bedeutsamer anderer Menschen.

(3) Traumatisierung.

In weiterer Folge werden wir sehen, was von diesen drei Möglichkeiten Rebecca in ihrer Kindheit und Jugend widerfuhr. Um aus der psychotherapeutischen Ecke wieder in die der dramatischen Literatur und somit auch des Films zurückzufinden –

Ca. 30 Jahre nach Satirs Tod sagt Ivana Chubbuck 2017 in DLF-Kultur:

„Es geht darum zu versuchen den Schmerz und das Trauma der jeweiligen Figur, also die Personalisierung des Schmerzes und des Traumas zu übernehmen um die Wahrheit einer Figur zu ergründen und dabei vor allem diese Informationen zu benutzen um mit ihnen die eigenen Fähigkeiten zu stärken und zu gewinnen.“

Zurück zur Antwort des Autors an die Schauspielerin. In weiterer Folge verstärkt er seinen Hinweis "... halten Sie sich an das Leben, das Sie umgibt und stellen Sie einen lebendigen, wirklichen Menschen dar.“ Dieser Hinweis, sich nicht ausschließlich mit einer fiktionalen Figur auseinanderzusetzen, sondern Informationen zu dieser in der Realität zu suchen, betont er mehrmals bis in den abschließenden Satz hinein “‚... Ich zweifle doch nicht, dass Sie diese Schwierigkeiten meistern, wenn Sie nur das wirkliche Leben, und einzige und allein das, als Grundlage und Ausgangspunkt für die Gestaltung von Rebeccas Persönlichkeit nehmen...“

Es gibt genug Beispiele aus dem Filmschaffen der vergangenen Jahre, wie eine solche Arbeit aussieht. Z.B. Verena Altenberger in Adrian Goigingers Film DIE BESTE ALLER WELTEN. Da stellt sie eine heroinsüchtige Mutter dar, vielmehr die heroinsüchtige Mutter des Autors und Regisseurs. Dem ging eine lange, ins Gemüt gehende Recherchearbeit einerseits im Suchtmilieu, andererseits in div. Beratungsstellen, Entzugsanstalten oder Krankenhäusern voraus. Ebenso Nora Fingscheidts jahrelange Recherche zu ihrem Film SYSTEMSPRENGER oder, wie hier schon einmal von mir erwähnt, die Rollenvorbereitung von Michelle Williams für ihre Rolle in MANCHESTER BY THE SEA. Nicht zu vergessen Robert de Niro, der für seine Rolle in Michael Ciminos Film THE DEER HUNTER (USA 1978) für die Rolle des russischstämmigen Stahlarbeiters Michael Vronsky wochenlang unter den Stahlarbeitern lebte, inkl. Arbeit am Hochofen. Sein Credo „Schauspieler müssen sich ihrer Umgebung (bzw. der Rollenbezogenen) kompromisslos aussetzen...Früher oder später kommen dann die Ideen, ein Gespür, ein Anhaltspunkt oder etwas passiert, das man später in einer bestimmten Szene verwenden kann. Ich beobachte immer alles ganz genau, denke darüber nach und analysiere es...“

Wer ist der Autor und wer die Schauspielerin und wann wurde der Brief geschrieben?

Er - Henrik Ibsen, sie - Sophie Reimers und es geht um die Rolle der Rebecca West in dem Stück ROSMERSHOLM. Der Brief datiert vom 25.3.1887, wurde somit vor 138 Jahren verfasst. Damit sind wir einerseits mitten in einer der folgenreichsten Entwicklungen in der Literatur, ob Prosa oder Drama – dem Naturalismus, andererseits auch an der Quelle der modernen Filmerzählung und damit verbunden der modernen Schauspieltechniken und -methoden. Übrigens, der 1886 gegründete S. Fischer-Verlag startete 1887 sein literarisches Verlagsprogramm mit dem Abdruck von ROSMERSHOLM.

Für das weitere Verständnis empfehle ich die Lektüre des Dramas

https://www.projekt-gutenberg.org/ibsen/rosmersh/titlepage.html

Kurzpitch:

Rebecca West, Ende 20, ist bereits längere Zeit auf Rosmersholm, einem Gut, das Johannes Rosmer, einem ehemaliger Pfarrer und letzten Nachkommen einer alteingesessenen Familie, gehört. Seine Frau Beate hat vor dem Beginn des aktuellen Stückes ihre chronifizierte Kinderlosigkeit in den Wahnsinn und wenig später in den Suizid getrieben. Da Rosmer mit Rebecca auch Gespräche über Lebens- und Weltanschauungen führen kann, fühlt er sich schließlich stark genug und ermutigt, sich im linken Flügel der Politik aktiv zu engagieren. Dadurch kommt es jedoch zu einem offenen Konflikt zwischen ihm und dem konservativen Rektor Kroll, Bruder Beates, sowie langjährigen Freund und Vertrauten Rosmers. Dieser versucht, ihn aus diesem „Lager“ zu retten. Auch mit den Mitteln des unbewiesenen Skandals. So wirft er Rebecca vor, dass ihre aufopfernde Pflege ihres Adoptivvaters, des Bezirksarztes Doktor West, dem Instinkt der leiblichen Tochter entsprach. Eine unbewiesene Behauptung, die aber trifft. Schließlich sehen Johannes und Rebecca die Unmöglichkeit unter all den gesellschaftlichen Zwängen eine neue Ehe einzugehen und suizidieren sich gemeinsam genau in dem Fluss, wie zuvor die kinderlose Beate.

Wir haben all die Ingredienzien eines modernen Drehbuches. Figuren mit komplexen Pre-Stories, deren entwicklungspsychologische Ups and Downs ihr aktuelles Verhalten im Stück prägen. Oder wie John Truby es nennt: ‚Ghost and Context‘. Was ist der Figur seit ihrer Geburt bis zu Beginn der aktuellen Handlung (Bühne/Film) widerfahren, welche Spuren in der Persönlichkeit hat es hinterlassen und wie beeinflussen diese Spuren die Interaktionen, mit sich und dem sozialen Umfeld.

Sigmund Freud vermutete in Rebeccas Verhalten eine Variation des von ihm so bezeichneten Ödipus-Komplexes, übrigens inspiriert vom gleichnamigen Theaterstück des Dichters Sophokles 496 – 405 v. Chr. Der Sohn der den Vater tötet und die Mutter ehelicht. Da es allerdings um eine Tochter geht, sehe ich eher den Elektra-Komplex von C.G. Jung - nämlich die starke Bindung an die Vaterfigur Johannes Rosmer und ein manipulatives Verhalten gegenüber der Mutterfigur Beate, das eventuell zum Suizid geführt haben könnte. Auch der Terminus geht auf ein Theaterstück von Sophokles, bzw. Euripides aus dem 4. Jh. v. Chr. zurück.

In seiner kritischen Abhandlung Das Verschweigen des sexuellen Missbrauchs in Henrik Ibsens Rosmersholm schreibt der psychologisch fundierte Autor Christian Tanzmann 2010, dass Rebecca Opfer eines sexuellen Missbrauchs durch den vermeintlichen Stiefvater wurde. Als sie ahnt, dass es möglicherweise sogar ihr leiblicher Vater war, also ein hochgradiger Inzest vorliegen könnte, ist sie dementsprechend verstört. Das erklärt auch ihre Angst vor Sexualität – „das hässliche, sinnentrunkene Gefühl“ wie Ibsen sie einige Szenen davor sagen lässt

Die entscheidende Szene im 3. Akt hier in Drama Queen-Format:

Was Ibsen offensichtlich bereits für die Rollengestaltung voraussetzte, war die Erfassung des Subtextes, der emotionale Landschaft, wie ich es in Anlehnung an Schnitzlers Worte ‚Die Seele ist ein weites Land‘ nenne. Also das, was zwischen den Zeilen steht, das Ungesagte, das was im R.E.R./Regie Erleben im Raum-Modell auf der Inneren Erlebensebene abläuft und in abgewandelter Form in den Äußeren Handlungsraum dringt, in emotional mehr oder weniger stark aufgeladener Körper- und Wortsprache

Für mich noch interessant die Systemische Dramaturgie. In einen stockkonservativen Haushalt, auch politisch gesehen, verkörpert durch die Person des Rektors Kroll, kommt eine junge Frau Ende Zwanzig, voller linksliberaler Ideen. Und der Ex-Pastor Johannes Rosmer wird davon positiv beeinflusst und ändert seine politische Haltung. Immerhin erschien 1872 die erste deutsche Ausgabe des ‚Manifests der Kommunistischen Partei‘ verfasst von Karl Marx und Friedrich Engels. Diese beiden Haltungen – konservativ vs. linksliberal werden auch durch zwei Publikationen verdeutlicht - Bei den Konservativen ist es die AMTSZEITUNG, die sich in ihrer Diktion keinen Deut um journalistische Objektivität, bzw. Neutralität schert. Hier die Szene auszugsweise:

Die Zeitung der Linksliberalen, auch verkörpert durch den Journalisten Peder Mortensgard, nennt sich BLINKFEUER und geht mit dem Gesinnungswandel vom Johannes Rosmer weitaus subtiler und diplomatischer um, wissend, wie aggressiv die Gegenseite reagieren wird.

D.h. eine junge Frau voll neue politischer Ideen und Konzepte kommt in ein starres System und kann einen der wichtigsten Vertreter des alten Systems überzeugen, das Neue anzunehmen. Doch das Imperium schlägt zurück. Das Alte hat Angst vor dem Neuen. Im Psycho-Krieg Rektor Kroll vs. Rebekka West unterliegt sie. Das etablierte System hat vorläufig (noch) gesiegt und entledigt sich brutal der Opposition.

Der gescheiterte Systemwandel geht Rebekka begreiflicherweise nahe.

Zum Abschluss nochmals Ivana Chubbuck:

»Ich erwarte von den Leuten, dass sie die Dinge offenlegen, derer sie sich normalerweise schämen. Ich erkläre ihnen, dass es Farben und Werkzeuge sind, um ein schönes Gemälde zu erschaffen: Das ist Schauspiel. Was ich unterrichte, ist Bestärkung. Nimm deinen Schmerz, deine Ängste und Unsicherheiten – aber statt dich damit zu zerstören, nutze sie für deine Zwecke. Die Zuschauer haben die gleichen Unsicherheiten und Probleme wie du, aber du machst etwas daraus, das sie vielleicht auch können. Das gibt ihnen Hoffnung und sie wollen dich wieder sehen.«

Da reichen einander lösungsorientierte Psychotherapie und Schauspieltraining die Hände. Und es wäre unverantwortlich, wenn die Drehbuchautor*innen, Dramaturg*innen und Regisseur*innen nur vom Spielfeldrand oder vielleicht lediglich von der Pressetribüne zusehen, um dann ihre, ihrer Meinung nach wichtigen, Statements abzusondern.

In diesem Sinne das Schlusswort von Peter O’Toole (1932 – 2013):

“With all good scripts there's this extraordinary alchemy of - you look at the ink on the page, the ink goes into the eye, into the mind, and then comes out the mouth. I found [that] with all fine works, they live on the page, for an actor - for an actor's sensibilities,"

„Bei allen guten Drehbüchern gibt es diese außergewöhnliche Alchemie: Man sieht die Tinte auf dem Papier, sie dringt ins Auge, in den Geist und kommt dann durch den Mund wieder heraus. Ich habe festgestellt, dass alle guten Werke auf dem Papier leben, für einen Schauspieler – für die Sensibilität eines Schauspielers.“