Das Urwundenmodell nach Eva Denk
Illustration von Julia Nau - Szene aus "De rouille et d'os" (Der Geschmack von Rost und Knochen) Julia Nau
Während das Enneagramm seit vielen Jahren als Grundlage der Figurenentwicklung im Drehbuchschreiben etabliert ist, sollen die zwölf Essenzen nach Eva Denk aus dem spirituellen Bereich ein weiterer Versuch sein, ein Modell ins Drehbuchschreiben zu übernehmen.
Die Essenzen nach Eva Denk stammen aus der Körperarbeit und zeigen zwölf Urwunden des Menschen auf, die archaische Grundmuster der Seele freilegen und ins Bewußtsein bringen.
Das Enneagramm untergliedert die menschlichen Charaktere in neun Typen, z. B. der/die Vermittler*in oder der/die Helfer*in. So werden der Persönlichkeit bestimmte Attribute zugeordnet, wodurch auch ihre Schattenseiten und Gegenpole sichtbar werden. Die sogenannten "Flügel" erklären, welche Persönlichkeiten durch ihre Eigenschaften benachbart sind. Das Gute am System des Enneagramms ist, dass es sehr ausführlich Hinweise darauf gibt, wie die einzelnen Typen an sich selbst arbeiten können, um sich zu "erlösen".
Was hat es jetzt mit den zwölf Essenzen auf sich und was ist das Neue daran?
Eva Denk und Christopher Amrhein haben nach unzähligen Sitzungen der Körperarbeit zwölf Atemgrundmuster festmachen können, die sich bei den Klient*innen nach einiger Zeit in der Sitzung eingestellt haben. Dies bedeutet, dass die Klient*innen mit der tiefen Atemarbeit an ihre Urwunde, so nennt es Eva Denk, kamen. Vor allem der verbundene Atem, eine Technik aus der Atemarbeit, macht es möglich, an tieferliegende Schichten der Psyche heranzukommen. Mensch stößt an einen Punkt, wo der Körper einem bestimmten Atemmuster folgt und dabei erst einmal bleibt. Dies geschieht meist nach einigen Sitzungen, wenn bestimmte Themen bereits aufgearbeitet sind und Mensch zum eigentlichen Grundmuster der Person kommt, so erklärt es Eva Denk weiter.
Das Urwundenmodell spricht von Grundthemen der Seele, die sich sogar über mehre Inkarnationen durchziehen können. Somit ist es ein weiteres spirituelles Modell, das ein wenig tiefer schaut. Es geht davon aus, dass Atemmuster nicht lügen, da sie nicht bewusst beeinflusst werden können und unbewusstes Agieren anzeigen. Sie sind kein erlerntes Muster, sondern stehen schon mit der Geburt durch die Konstellation der Planeten beim Zeitpunkt unserer Geburt fest.
Weiter verbindet Eva Denk ihre Körperforschungen mit ihrem Wissen aus der Astrologie und geht in ihrem Modell davon aus, dass uns zwei Essenzen begleiten. Die erste Essenz leitet sich davon ab, in welchem Planeten Chiron zum Zeitpunkt unserer Geburt steht - diese Essenz begleitet uns durch mehrere Inkarnationen, bis die gestellte Aufgabe bewerkstelligt ist und die zweite Essenz verändert sich durch unsere verschiedenen Leben hindurch. Sie hilft uns, in die erste Essenz zu kommen. Die zweite Essenz lässt sich an Geburtsjahrtabellen ablesen, die zeigen, wo in bestimmten Zeitphasen Chiron in den Sternzeichen steht. Dies erklärt, weshalb Eva Denk bei der Zuordnung einer Essenz über mehrere Jahre geht und die Zyklen astrologisch angelehnt sind. Zum Beispiel steht vom 15.10.1976 - 28.03.1977 Chiron im Widder - als Essenz bedeutet das die Kriegerseele für die zweite Essenz.
Schreiben wird körperlicher
Der Cannesgewinner von 2025, Sirāt, ist ein gutes Beispiel für das Zeigen sehr archaischer Bilder und Charaktere, der mich sofort an Eva Denks Urwundenmodell erinnert hat. Der Regisseur Óliver Laxe berichtet in einem Interview sogar von der Erinnerung an unsere Wunden! Die Handlung: ein Vater ist auf der Suche nach seiner Tochter und unternimmt dafür eine Reise durch die Wüste. Dabei verliert er seinen 12jährigen Sohn. Das Thema Verlust steht ganz oben und zieht sich durch den ganzen Film. In der Zuordnung des Urwundenmodells wäre das die siebte Essenz: Die Liebesseelen - deren Wunde Verlust und die Angst vor Trennung und Konflikten ist.
Auch in Rust an Bone von 2012 sehen wir zwei sehr verletzte Charaktere, die in ihre Urwunde gedrängt werden. Ali, heimatlos und mit seinem kleinen Sohn unterwegs, sucht Unterschlupf bei seiner Schwester und trifft auf Stéphanie, die die Anerkennung liebt und durch einen schweren Unfall aus ihrem Alltag gerissen wird. Ali bietet ihr Schutz und eine gewisse Stabilität in dieser Situation. So sieht man an der Figur Ali zum einen Heimatlosigkeit und Angst vor Nähe, aber gleichzeitig seine Fähigkeit, Stéphanie dennoch ein Gefühl von Sicherheit geben zu können - die vierte Essenz: Die Erinnerseele.
Oder der Film party girl von 2014 von Claire Burger, der uns Angélique zeigt, eine ehemalige Erotiktänzerin, die im Alter nicht einfach in ein bürgerliches Leben wechseln kann, obwohl sie es gerne möchte: Angst vor Normalität, Ausgeschlossensein und Gruppenzwang halten sie zurück: die elfte Essenz: Die Verbinderseele. Diese Filme handeln von Wunden in Reinform. Wann und wo die Verletzungen genau entstanden sind, erfahren wir nicht in allen Beispielen.
Die Transformation als ewig währender Zustand
Prägende oder auslösende Erfahrungen sind also nicht Ursachen der Urwunde, sondern ein Urprint und eine Aufgabe, die bereits da ist. Dies setzt die Anlage-Umwelt-Diskussion, also ob Gene oder unser soziales Umfeld dafür verantwortlich sind, außer Kraft. Die Urwunde führt uns zum roten Faden in unserem Leben und kann uns unsere ureigenste Aufgabe zeigen.
Während der Pandemie war das Thema der Ohnmacht kollektiv präsent, damit ist die erste Essenz der Kriegerseele schon erklärt; eine Urwunde, die uns in unserem Ohnmachtsgefühl oder, wie wir es aus Change-Theorien kennen, in einem freeze-Zustand zurücklässt. Ganze Kollektive, die feststecken in einem Bottich, in einer Urwunde.
Wie schwierig es ist, Ohnmacht spannend zu zeigen, wissen Drehbuchautor*innen. Um zu Sirāt zurückzukommen - hier spüren wir die Ohnmacht der Nebencharaktere. Die Figuren kommen gegen Ende des Films in eine Situation, bei der sie sich in einem Minenfeld in der Wüste wiederfinden und nur schwer entkommen können bzw. durch die Minen noch mehr Gruppenmitglieder verlieren: das Thema Verlust und Ohnmacht zieht sich schmerzlich durch. Diese Geschichte ist für die Kinogänger:innen körperlich erfahrbar - ich nenne es Embodiment, und das ist das, was das Arbeiten mit den Essenzen hervorbringt, körperlich erfahrbare Geschichten!
Doch nicht nur für die Figurenentwicklung beim Schreiben ist das Urwundenmodell einsetzbar, ich verwende es ebenso für die Figurenaneignung als Teil der Schauspielarbeit.
An der Schwelle zu Allem!
Ein Student fragte mich, als ich dieses Modell in der Drehbuchvorlesung vorstellte: "Was ist, wenn wir dieser Urwunde entkommen sind?".
Eine gute Frage, die ich nicht sofort beantworten konnte, zu sehr war ich mit dem Blick auf das, was die Figuren intrinsisch antreibt, beschäftigt. Was passiert, wenn ein bestimmtes Lebensmuster überwunden ist? - Es folgt ein neuer Zyklus, wenn der full circle durchlaufen wurde und ausgeheilt ist. Hier wird die neue female Dramaturgie kontern, warum das Problem gelöst werde müsse?
Das hängt davon ab, wo die Geschichte ein- und aussteigt. Welches Stadium wir uns für die Geschichte genau anschauen, worauf wir unseren Fokus legen. Es gibt nicht "die eine Transformation", sondern den Moment, wenn wir z. B. in einen neuen Bottich eintauchen, also einen neuen Zyklus beginnen, in einem Momentum von hier und jetzt. Ein Eisloch, aus dem wir einfach aussteigen und den alten Zyklus abstreifen, doch nicht immer gelingt uns das.
Der Film Eine Erklärung für alles von Gabor Reisz ist ein Beispiel dafür. Er zeigt einen Schüler, der durch ein Blackout die Abschlussprüfung in seiner Budapester Schule nicht besteht und auch in der Wiederholungsprüfung kein Wort herausbringt, d. h. er wird von seinem Dilemma nicht befreit, sondern verstrickt sich noch tiefer in seine Urwunde - der Angst vor Versagen und Unvollkommenheit. Als er den Grund des Nichtbestehens vor seinen Eltern vertuschen will, schiebt er es auf die ungarische nationale Anstecknadel, die er trug, die den Prüfer gestört hat. Es gibt keine schnelle Lösung, und die Zuschauer*innen müssen den Zustand des Nichtbestehen des Abiturs bis zum Ende des Films aushalten.
Zuschauer*innen wünschen sich Darstellungen von mehrdimensionalen und komplexen Charakteren. Deshalb kann ein Charaktermodell als Grundlage beim Schreiben und bei der Schauspielarbeit hilfreich sein, um immer wieder zum Kern der Persönlichkeit zurückzukehren, um herauszuarbeiten, was eine Figur antreibt. Dadurch wird der Film körperlich erfahrbar, nachvollziehbar und authentisch, da sich die Geschichte organisch aus den Figuren entwickelt.
Ein körperlicher Ansatz - Embodiment, den ich weiter erforsche und dessen Essenzen ich hier aufliste:
Die 12 ESSENZEN: Urwunde – Erlösung (nach Eva Denk)
1 Kriegerseelen: Wehrlosigkeit und Angst vor Übergriffen – ermutigen andere den ersten Schritt zu gehen, den Weg für andere frei machen
2 Bewahrerseelen: Unsicherheit, ich will nicht hier sein, ich darf mich nicht abgrenzen – anderen helfen zur inneren und äußeren Sicherheit zu kommen, andere dabei zu unterstützen, dass sie ihren Wert erkennen
3 Lehrerseelen: Verrat und Angst sich auszudrücken, Angst vor Lähmung – bringen Leichtigkeit und Beweglichkeit für andere
4 Erinnerseelen: Heimatlosigkeit und Angst vor Nähe und Schutzlosigkeit – ich helfe anderen sich geborgen und Zuhause zu fühlen
5 Lichtseelen: Scham und Angst sich zu zeigen, Angst vor Schattenseiten – ich helfe anderen spielerisch und kreativ zu sein
6 Heilerseelen: Angst Fehler zu begehen und Angst vor Hilflosigkeit – ich helfe anderen sich selbst zu heilen
7 Liebesseelen: Angst vor Trennung und Konflikten, Verlustangst – ich helfe anderen Wesen Liebe und Frieden in sich zu finden
8 Transformiererseelen: Angst vor Kontrollverlust und der eigenen Kraft – ich helfe anderen ihre Schatten zu integrieren, ich führe andere durch Tiefen und Krisen
9 Priesterseelen: Angst vor Bedeutungs- und Sinnlosigkeit und Ungerechtigkeit – ich helfe anderen ihr Bewussstein zu erweitern und den Sinn in allem zu erkennen
10 Meisterseelen: Angst vor Versagen und Unvollkommenheit – ich unterstütze andere Seelen ihre Berufung zu finden
11 Verbinderseelen: Angst vor Normalität, Ausgeschlossenheit und Gruppenzwang – ich helfe anderen Wesen sich zu befreunden und zu verbinden
12 Seherseelen. Angst vor dem Verlassen werden und Angst vor Auflösung – ich erinnere die Menschen an die Einheit und helfe ihnen die Verbundenheit in allem zu erkennen
Quelle:
Buch: Seelenessenz & Urwunde – Heimkehr in dein wahres Selbst, Eva Denk, SALIMUTRA Verlag